Wie passend ist das neue Altersvorsorgemodell für Frauen?
61 % sder befragten Frauen sehen Teilzeit, Care-Arbeit & finanzielle Einschränkungen als Hürde für private Vorsorge. - Quelle: Shutterstock.com
Mit dem neuen Altersvorsorgedepot setzt die Politik auf mehr Eigenverantwortung und eine stärkere Beteiligung am Kapitalmarkt. Eine aktuelle Umfrage von InvestforWomen, einem auf den realitätsnahen Vermögensaufbau für Frauen spezialisierten Finanzberatungsunternehmen, unter rund 10.000 Frauen zeigt jedoch, dass die Voraussetzungen, auf denen dieses Modell basiert, für viele Frauen derzeit nicht gegeben sind. Die Ergebnisse legen nahe, dass das Altersvorsorgedepot strukturelle Schwächen aufweist und an der Lebensrealität vieler Frauen vorbeigeht.
Laut der aktuellen Umfrage geben 74 Prozent der befragten Frauen an, dass ihnen das notwendige Wissen über Kapitalmarktprodukte wie ETFs und Fonds fehlt, um eigenständig fundierte Entscheidungen für ihre Altersvorsorge treffen zu können. In der Folge fühlen sie sich unsicher im Umgang mit Geldanlagen am Kapitalmarkt und nicht ausreichend gerüstet, diese Verantwortung selbst zu übernehmen.
Reformmodell geht an der Realität vieler Frauen vorbei
Auch bei konkreten Investmententscheidungen zeigt sich eine deutliche Zurückhaltung: 67 Prozent der befragten Frauen trauen sich nicht zu, eigenständig zu investieren. Mehr als jede zweite Befragte würde ihre Altersvorsorge aktuell nicht eigenständig über den Kapitalmarkt organisieren. Neben fehlendem Wissen spielen auch strukturelle Faktoren eine entscheidende Rolle, wie die Umfrage zeigt: 61 Prozent der Frauen geben an, dass ihre Lebensrealität, etwa durch Teilzeit, familiäre Verantwortung oder begrenzte finanzielle Spielräume, ihre Möglichkeiten zur privaten Altersvorsorge stark einschränkt.
Jenny Walter, Gründerin von InvestforWomen, ordnet die Ergebnisse ein: „Das neue Altersvorsorgedepot ist ein wichtiger Reformschritt in der Altersvorsorge, da es die Eigenvorsorge stärkt und die staatliche Rentenfinanzierung entlasten kann. Die Ergebnisse zeigen jedoch klar, dass ein System, das stark auf Eigenverantwortung setzt, nur dann funktionieren kann, wenn Menschen sowohl das notwendige Wissen als auch die strukturellen Voraussetzungen mitbringen. Viele Frauen sehen sich aktuell weder fachlich ausreichend vorbereitet noch in ihrer Lebensrealität in der Lage, diese Verantwortung allein zu tragen.“
Sie ergänzt zudem: „Wir bauen gerade ein Vorsorgesystem für Menschen, die es so in der Realität kaum gibt. Wer davon ausgeht, dass breite Bevölkerungsschichten ihre Altersvorsorge eigenständig am Kapitalmarkt steuern können, ignoriert die tatsächlichen Lebensrealitäten vieler Frauen. So entsteht ein Modell, das auf dem Papier modern wirkt, in der Praxis aber an genau den Menschen vorbeigeht, die es am dringendsten brauchen.“
Frauen wünschen sich Sicherheit bei der Altersvorsorge
Die Umfrage zeigt zudem, was Frauen tatsächlich von moderner Altersvorsorge erwarten: 77 Prozent wünschen sich in erster Linie Sicherheit. 65 Prozent wünschen sich mehr Beratung und Unterstützung. 63 Prozent wünschen sich mehr finanzielle Aufklärung. 57 Prozent fordern einfachere und verständlichere Produkte.
Die Ergebnisse der Umfrage zeigen, dass Frauen bei der Altersvorsorge deutlich stärker auf Sicherheit, Orientierung und persönliche Begleitung setzen. Gleichzeitig richtet sich ein Modell, das hohe Eigenständigkeit im Umgang mit ETFs, Fonds und Kapitalmarktentscheidungen voraussetzt, aktuell vor allem an Menschen mit hoher Finanzkompetenz, stabilem Einkommen und kontinuierlicher Erwerbsbiografie. Damit passt das Altersvorsorgedepot in seiner jetzigen Form strukturell eher zu männlichen Anlegerprofilen, da Männer sich im Durchschnitt häufiger mit Kapitalmarktanlagen beschäftigen und sich im Umgang mit Investments sicherer fühlen.
InvestforWomen fordert deshalb, die Debatte um das Altersvorsorgedepot stärker um die Frage zu erweitern, welche Voraussetzungen erfüllt sein müssen, damit kapitalmarktbasierte Vorsorge tatsächlich breitenwirksam und geschlechtergerecht funktionieren kann.