Studie zum Anlageverhalten der Deutschen
Die Roland-Berger-Studie „Zwischen Sparbuch und Kryptoinvestments“ zeigt, dass die klassische Kundensegmentierung im Retail-Banking nach Alter und Vermögen nicht mehr ausreicht: Neobroker, digitale Anlageangebote und neue Anlageklassen haben den Zugang zum Kapitalmarkt zwar demokratisiert, doch Finanzwissen, Risikoverständnis und Beratungsbedarf bleiben stark unterschiedlich ausgeprägt. - Quelle: Shutterstock.com
Sparbuch, Tagesgeld, ETF oder Krypto: Noch nie hatten Privatanleger so einfachen Zugang zu unterschiedlichen Anlageformen wie heute. Doch die neue Roland-Berger-Studie „Zwischen Sparbuch und Kryptoinvestments“ zeigt eine deutliche Schieflage im deutschen Retail-Banking: Während Neobroker und digitale Plattformen den Kapitalmarktzugang demokratisiert haben, ist das Finanzwissen vieler Menschen nicht im gleichen Tempo gewachsen. Für Banken entsteht daraus ein klarer Auftrag: Sie müssen Kunden nicht länger nach Alter oder Vermögen sortieren, sondern nach Wissen, Verhalten, Risikoverständnis und Beratungsbedarf.
Die Ergebnisse der aktuellen Studie machen sichtbar, wie widersprüchlich das Anlageverhalten in Deutschland ist: Nur rund die Hälfte der Befragten kann grundlegende Fragen zu Inflation, Diversifikation und Zinseszins korrekt beantworten. Gleichzeitig investieren immer mehr Menschen eigenständig in Anlageklassen, die ein hohes Maß an Risikoverständnis voraussetzen. Jeder 16. Befragte gibt an, den Großteil seines Vermögens in Kryptowährungen investiert zu haben; weitere 15 Prozent halten größere Teile ihres Vermögens in dieser besonders volatilen Anlageklasse.
Stark ausgeprägtes Sicherheitsbedürfnis
Am anderen Ende des Spektrums steht eine weiterhin stark ausgeprägte Sicherheitsorientierung: Ein erheblicher Teil der Befragten setzt auf Bargeld, Giro-, Tages- oder Festgeldkonten. Jeder sechste Anleger legt sogar mehr als die Hälfte seines Vermögens in Tages- oder Festgeld an. Gerade mit Blick auf private Altersvorsorge und langfristigen Vermögensaufbau wird diese Konzentration auf renditeschwache Anlagen zum Problem.
Junge Anleger denken an Vorsorge – gehen aber höhere Risiken ein
Besonders auffällig ist das Verhalten jüngerer Anleger: Mehr als 85 Prozent der unter 40-Jährigen möchten privat für ihr Alter vorsorgen – deutlich mehr als in der Gruppe der über 40-Jährigen. Gleichzeitig investieren Jüngere häufiger in ETFs, Einzelaktien und Kryptowährungen. Der Wunsch nach Vorsorge trifft damit auf eine höhere Risikobereitschaft und auf ein Finanzwissen, das nicht immer ausreicht, um Chancen und Risiken angemessen einzuordnen.
Auch bei den Informationsquellen zeigen sich deutliche Unterschiede. Viele Befragte orientieren sich zunächst an Familie und Freundeskreis; Menschen mit höherem Bildungsstand nutzen dagegen häufiger das Internet oder professionelle Beratung. Genau diese Unterschiede beeinflussen, wie gut Anleger grundlegende Finanzkonzepte verstehen und wie sicher sie Entscheidungen treffen.
Beratung bleibt gefragt – aber sie muss anders funktionieren
Die Studie widerlegt die Annahme, dass digitale Kanäle persönliche Beratung grundsätzlich verdrängen. Zwar erwarten viele Kunden digitale, einfache und kostengünstige Lösungen. Bei großen Anlageentscheidungen – etwa Erbschaften, Immobilienverkäufen oder strategischen Vermögensfragen – bleibt die Filiale beziehungsweise das persönliche Gespräch jedoch der bevorzugte Abschlusskanal. Acht von zehn Befragten treffen Anlageentscheidungen ungern allein.
Für Banken ist das eine Chance: Während 36 Prozent der Befragten aktuell keinen Anlageanbieter nutzen, berichten 27 Prozent – und damit nahezu die Hälfte derjenigen mit Anlageanbieter – von einer langjährigen, vertrauensvollen Beziehung zu ihrem Hauptanbieter. Preisunterschiede spielen zwar eine Rolle, doch nur etwa jeder zehnte Befragte bezeichnet sich als stark preissensibel. Vertrauen, Verständlichkeit und konkrete Zielorientierung können damit wichtiger sein als reine Gebührenvorteile.
„Die Zukunft des Retail Bankings liegt in der Kombination aus smarter Technologie und persönlicher Beratung“, sagt Viktoria Danzer, Senior Partner bei Roland Berger. „Beides ist für die nachhaltige Kundenbindung unverzichtbar.“ Thomas Richter, Partner bei Roland Berger, ergänzt: „Loyalität entsteht nicht durch günstige Gebühren, sondern durch echtes Verständnis.“
Acht Anlegertypen statt alter Schubladen
Aus den Befragungsdaten leitet Roland Berger acht unterschiedliche Anlegertypen ab – darunter digitale Vermögensaufbauer, Next-Gen-Kunden, traditionelle Familienhaushalte, einkommensschwache Single-Haushalte, erfahrene Anleger, sicherheitsorientierte Anleger, nachhaltige Anleger sowie konsum- und renditeorientierte Anleger. Die Typen unterscheiden sich nicht nur nach Vermögen oder Alter, sondern vor allem nach Finanzwissen, digitaler Affinität, Risikoneigung, Informationsverhalten und gewünschter Betreuung.
Für Finanzinstitute bedeutet das: Standardisierte Kundensegmente reichen nicht mehr aus. Wer im Wettbewerb mit Neobrokern, Fintechs und Self-Service-Angeboten bestehen will, muss Beratung personalisieren, digitale Werkzeuge sinnvoll einsetzen und Kunden dort abholen, wo sie in ihrem Finanzwissen tatsächlich stehen. „Finanzielle Absicherung und Vorsorge sind zentrale Anliegen vieler Menschen“, sagt Matthias Tewes, Partner bei Roland Berger. „Gute Beratung muss diese Themen ganzheitlich und generationsübergreifend adressieren.“
KI und digitale Tools machen individuelle Beratung massentauglich
Ein zentraler Hebel liegt laut Studie in der Kombination aus persönlicher Beratung, digitalen Assistenten und automatisierten Routinen. Digitale Tools können helfen, Notfallreserven aufzubauen, Sparraten zu stabilisieren, Portfolios regelmäßig zu überprüfen oder Anlegern komplexe Zusammenhänge verständlich zu erklären. Künstliche Intelligenz eröffnet Banken die Möglichkeit, personalisierte Beratung auch im breiten Retail-Segment wirtschaftlich anzubieten.
Damit verschiebt sich der Mehrwert von Banken: Weg vom reinen Produktverkauf, hin zu Orientierung, Zielklärung und langfristiger Begleitung. Besonders wichtig ist dabei der Aufbau einer belastbaren Notfallreserve. Die Studie zeigt: Menschen mit Notfallreserve bewerten ihre finanzielle Situation deutlich besser als Personen ohne entsprechende Rücklagen.