Financery: Armut in Deutschland ist weiblich

Maria Mann, Gründerin von Financery, im Interview

Laut Statistiken gibt es in Deutschland weitaus mehr Frauen als Männer, die von Altersarmut betroffen sind. Kaum zu glauben, dass Mitten in Europa im 21. Jahrhundert Geldangelegenheiten häufig immer noch Männersache sind. Das Fintech Financery will Frauen helfen, ihre Finanzen selbst in die Hand zu nehmen und über einen Robo-Advisor Geld zu investieren. Wir haben mit der Gründerin Maria Mann über Stereotype bei der Geldanlage gesprochen und warum Finanzbildung insbesondere für Frauen wichtig ist.

15.02.2020

Maria Mann, Gründerin von Financery. - Quelle: Financery

Frau Mann, wie lässt sich die Tätigkeit von Financery am besten erklären? Was ist Financery?

Mit Financery haben wir einen Finanzservice entwickelt, der insbesondere Frauen ansprechen möchte. Wir möchten Frauen finanziell stärken, d.h. wir bieten einen unabhängigen Finanzservice auf Basis eines Robo-Advisors an. So möchten wir mehr Frauen für das Thema Geldanlage und Vermögensaufbau gewinnen.

Der Begriff Robo-Advisor wird auf der Website nicht explizit hervorgehoben. Warum ist das so?

Ja, das ist richtig. Unsere Zielgruppe sucht nicht nach diesem Begriff. Technologisch gesehen handelt es sich um einen Robo-Advisor, wir verstehen uns jedoch als unabhängiger All-in-One-Service und sprechen daher auch von Finanzservice. Wir beraten zum Beispiel persönlich, es geht mehr um das Rundum-Sorglos-Paket.

Sie haben Financery alleine gegründet. Was hat Sie zum Start des Unternehmens bewogen?

Das ist richtig, ich bin die Gründerin und Geschäftsführerin von Financery und habe mir nach und nach ein Team in Düsseldorf aufgebaut. Ich komme aus der IT-Beratung und habe bei einer Unternehmensberatung für Banken und Finanzdienstleister Web-Anwendungen entwickelt und IT-Projekte geleitet. Der Auslöser für die Gründung von Financery war folgender: Ich beobachtete morgens eine ältere Dame am Bahnhof wie sie Pfandflaschen gesammelt hat, weil offensichtlich ihre Rente nicht ausreicht. Daraufhin habe ich mich mit dem Thema Altersarmut bei Frauen beschäftigt. So haben wir ein Finanzprodukt entwickelt, das diesem Problem entgegenwirkt. Wir kommen also nicht so sehr aus der klassischen Vertriebsperspektive, sondern mehr aus dem Lösungsansatz, wie können wir Produkte entwickeln, mit denen wir Frauen finanziell stärken und dem Thema Armut entgegenwirken? Das ist unsere Vision.

Betrachtet man die nackten Zahlen zur Altersarmut so wird ziemlich schnell deutlich, dass Armut vor allen Dingen weiblich ist.

Erschreckenderweise ist das auch gerade in Deutschland so. Länder wie Frankreich oder Italien sind da besser aufgestellt als wir. In Deutschland ist dieses Thema sehr präsent, die Zahlen sind hier erschreckend hoch. Wir befinden uns im wohlhabenden Europa, in dem Deutschland eine starke Position hat, aber gerade hier ist Armut weiblich.

Warum ist das so?

Das muss man unterschiedlich betrachten. Ich glaube, es hat viel mit dem gesellschaftlichen Bild zu tun. In den neuen Bundesländern, also in der ehemaligen DDR waren Frauen gleichberechtigt, gingen arbeiten und erhielten das gleiche Gehalt. Sie waren finanziell unabhängig. In den alten Bundesländern, in Westdeutschland haben wir eher das gesellschaftliche Bild der Hausfrau und Mutter, und das wirkt noch nach. Das gesellschaftliche Selbstverständnis ist ein anderes. Allein, dass es diese Diskussion gibt, ob man als Mutter arbeiten geht, wie viel man arbeiten sollte und ob das gut ist für das Kind. Das sind alles Themen, die einen starken Einfluss haben. Abgesehen von der fehlenden Infrastruktur wie Kita-Plätze etc. Hinzu kommt das Problem der ohnehin schlechteren Bezahlung von Frauen bei gleicher Position. Hier kommen zwei Effekte zusammen: das geringere Gehalt sowie die Mutterschaft bzw. das traditionelle Rollenbild der Frau in den alten Bundesländern. Beides führt dazu, dass Frauen weniger Vermögen für sich aufbauen. Dann haben wir eine relativ hohe Scheidungsrate, die sich finanziell negativ für die Frauen auswirkt. Diese Themen zusammengenommen führen dann zu einer sogenannten Rentenlücke und zu einer höheren Altersarmut von Frauen.

In welchem Alter sollte man anfangen, sich mit Finanzplanung zu beschäftigen?

So früh wie möglich. Oft ist die Frage unserer Neukundinnen: Mit welchem Betrag sollte ich starten? Viele glauben, dass sie erst einmal viel sparen müssen, um überhaupt mit der Geldanlage anfangen zu können. Aber wir raten dazu, schon mit kleineren Beträgen, z.B. ab 50 Euro zu starten. Vor allem sollte man wirklich möglichst früh anfangen, um den Zinseszins-Effekt für sich zu nutzen und so langfristig ein Vermögen aufzubauen.

Wer sind die Frauen, die bei Financery Geld anlegen? Wie sieht das Profil der Financery-Kundinnen aus?

Das lässt sich so nicht sagen. Wir haben eine sehr große Bandbreite bei unseren Kundinnen: unsere jüngste Kundin ist 22 Jahre alt und studiert noch, unsere älteste Kundin ist 68 Jahre alt und möchte einen Teil ihres Geldes investieren.

Wissenschaftliche Untersuchungen zeigen, dass mit jungen Mädchen im Laufe ihrer Sozialisierung weniger über Geld gesprochen wird. Wie ist der aktuelle Stand? Sind in der heutigen Zeit moderne Eltern in dieser Hinsicht aufgeschlossener?

Klassischerweise fehlt in Deutschland an sich Finanzbildung in der Schule, egal ob für Mädchen oder für Jungs. Aber ich glaube, dass die traditionellen Rollenbilder nach wie vor sehr stark verankert sind. Mädchen schätzen sich selbst oft schlechter ein bei dem Thema Finanzen, weil sie das von der Gesellschaft auch so vermittelt bekommen. Die Gesellschaft, das Umfeld ist für die Sozialisierung der jungen Frauen verantwortlich. D.h. es beginnt mit der Familie, geht weiter über den Freundeskreis bis hin zu den ersten Erfahrungen in der Ausbildung und im Studium. Nach wie vor vermittelt man jungen Frauen, sei lieber nett und nach Geld fragen ist nicht so sympathisch. Ich merke das auch selbst als Gründerin: Das Bild der erfolgreichen Unternehmerin ist keines, das man mit Sympathie belegt. Wo ein Mann „durchsetzungsstark“ ist, ist eine Frau dann eher „schwierig“. Wir werden noch lange brauchen, dieses Rollenverständnis zu verändern. In den neuen Bundesländern ist es allerdings etwas anders.   

Neben dem Thema “Female Finance” wird aktuell auch vielfach über das Thema “Sustainable Finance” diskutiert. Welche Rolle spielt das Thema “Nachhaltigkeit” für Financery? Sind nachhaltige Finanzprodukte bei Frauen stärker nachgefragt als bei Männern?  

Den Vergleich kann ich so nicht ziehen zwischen Frauen und Männern, da wir hauptsächlich weibliche Kundinnen haben. Intuitiv würde ich aber vermuten, dass es so ist. Bei unseren Kundinnen wird Nachhaltigkeit nachgefragt und es gibt ein starkes Bewusstsein dafür. Soweit es möglich ist, nutzen wir auch nachhaltige ETFs. Es gibt noch nicht ausreichend nachhaltige ETFs, aber da ist gerade viel im Wandel in der Branche. Wir arbeiten verstärkt an dem Thema und stellen sukzessive unsere Portfolios um. Für uns ist Sustainable Finance ein wichtiges Thema und steht an zweiter Stelle nach dem gesellschaftlichen Thema, wie wir Frauen finanziell stärken können.

Betrachtet man den Marketingauftritt von Financery von außen, gewinnt man schnell den Eindruck, dass Financery vor allen Dingen auf Social Media setzt. Welche Kanäle spielen für Financery bei der Ansprache der Kundinnen die größte Rolle?

Wir setzen tatsächlich stark auf Social Media, vor allem auf Instagram. Wir haben eine andere Perspektive als klassische Fintechs oder Banken, weil wir uns fragen, wo ist unsere Zielgruppe unterwegs? Unsere Zielgruppe ist weiblich und nicht in bestimmten Finanzmagazinen oder in der Fachpresse zuhause, sondern eher in bankenuntypischen Medien. Auch sind wir im Moment recht stark auf Clubhouse vertreten. Wir sind mit unserem Marketing eher out-of-the-box unterwegs. Wir sind auch offen dafür, neue Formate auszuprobieren.

Ist es richtig, dass Financery mit Influencern kooperiert? Wie darf man sich diese Kooperationen vorstellen?

Ja, das ist richtig. Aktuell geht es uns bei der Kooperation mit Influencern stark um das Thema, sich auch einmal über Geld auszutauschen, also das Gespräch mit anderen Frauen zu suchen. Zu zeigen, wie andere Frauen über das Thema Geld und Geldanlage denken. Ob sie selbst investieren und eben auch, um Role Models zu zeigen und dann den Austausch anzuregen. Im nächsten Schritt veranstalten wir auf Clubhouse regelmäßig Talks mit Influencerinnen, in denen Interessentinnen ihre Fragen stellen können. Wir hatten zum Beispiel auch schon einen Talk mit Masha (Maria Astor), einer bekannten Influencerin, oder Vivien Wisocki, einem erfolgreichen Model.

Wie viel Geld haben die Kundinnen bereits bei Financery angelegt? Wie hoch ist das bisherige Investitionsvolumen?

Unsere Assets under Management sind etwas über 2,5 Millionen Euro. Der Vergleich zu anderen Robo-Advisorn ist hier nicht so sinnvoll, da wir auf eine Zielgruppe zugehen, die wir finanziell stärken wollen. Der Ansatz eines klassischen Robo-Advisors ist ja eher der, auf eine Zielgruppe zuzugehen, die bereits über Vermögen verfügt und dieses investieren möchte.

Wie viele Mitarbeiter sind bei Financery beschäftigt?

Im Kernteam in Düsseldorf sind wir zu acht. Zusammen mit der IT in München, der Vermögensverwaltung nowinta in der Nähe von Stuttgart und den Banking-Experten der FIL sind es fast 40 Mitarbeiter.

Frau Mann, wir danken Ihnen für das Gespräch.

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