05.10.2026
Wie Investoren neue HealthTech-Trends früh erkennen
Lucanus Polagnoli ist Gründer und Managing Partner von Calm/Storm, Europas aktivstem Frühphasen-Investor im Bereich digitale Gesundheit. Mit einem verwalteten Vermögen von über 50 Millionen Euro (AUM) und einem Portfolio von über 60 super-early-stage HealthTech Unternehmen zählt er zu den profiliertesten HealthTech-Investoren Europas. Zuvor war er Partner bei Speedinvest und engagiert sich heute insbesondere für Impact-getriebene Gründungsteams und digitale Lösungen rund um Gesundheit, Wohlbefinden und Nachhaltigkeit. - Quelle: Calm/Storm
Männliche Unfruchtbarkeit, sexuelle Gewalt, Menopause, Essstörungen oder Inkontinenzsind keine Themen, die in klassischen Investmentmeetings besonders häufig auf der Agenda stehen. Das ist eigentlich erstaunlich. Denn genau dort, wo Menschen ungern hinschauen, entstehen häufig besonders große Versorgungslücken. Und wo ein echtes Problem lange nicht gut gelöst wird, ist bereits ein Markt entstanden. Ein Opportunität für jene, die sich trauen, diese Tabuthemen aufzugreifen.
Diese Entwicklung zeigt sich seit Jahren im HealthTech-Bereich. Manche Themen werden von der Gesellschaft oberflächlich verdrängt, andere vom bestehenden Gesundheitssystem sogar diskriminiert. Die Gründe sind unterschiedlich: Scham, fehlender Zugang, lange Wartezeiten, fehlende Spezialist:innen, komplizierte Erstattung oder schlicht die Tatsache, dass manche Probleme nur mit Sicht auf die betroffene Zielgruppe betrachtet werden, nicht jedoch die Auswirkungen einer Nicht-Behandlung auf die breite Masse.
Für Gründer:innen sind genau diese Lücken interessant. Und für Investor:innen ebenfalls. Nicht, weil Tabuthemen irgendwie exotisch wären oder sich gut vermarkten lassen, sondern weil sich hier häufig drei Dinge verbinden: ein sehr klarer Schmerzpunkt, eine aktive Nachfrage und die hohe Bereitschaft, für gute Lösungen tatsächlich auch selbst zu zahlen.
Wenn klassische Versorgung nicht funktioniert, entstehen neue Märkte
Ein Beispiel ist Everyman. Das Unternehmen beschäftigt sich mit Themen aus dem Bereich Männergesundheit und adressiert Probleme, über die viele Männer selbst mit Ärzt:innen nur ungern sprechen. Zugänglichkeit, Privatsphäre und Komfort spielen deshalb eine zentrale Rolle. Im Bereich der reproduktiven Gesundheit setzt wiederum Béa Fertility an, um Paaren den Zugang zu Fruchtbarkeitsbehandlungen abseits klassischer, oft tabuisierter Klinikpfade zu erleichtern.
Diese und viele andere Gesundheits-Startups setzen an den schwierigen Stellen an, unterstützen Menschen mit Versorgungs- und Aufklärungslösungen, gerade dann, wenn professionelle Hilfe nicht unmittelbar verfügbar ist. Für alle gilt das gleiche: Das Problem ist nicht neu. Neu ist vielmehr, dass digitale Produkte heute Möglichkeiten schaffen, Versorgung niedrigschwelliger, diskreter und zugänglicher zu machen.
All diese Unternehmen arbeiten an sehr unterschiedlichen Themen. Die Logik dahinter ist jedoch ähnlich. Es gibt einen großen Bedarf, der lange nicht ausreichend bedient wurde. Menschen suchen bereits nach Lösungen und sie sind bereit, Angebote zu nutzen, wenn diese seriös, sicher und tatsächlich hilfreich sind. Bei echten Problemen muss Nachfrage nicht erst durch Marketing geschaffen werden – sie ist längst da. Menschen suchen aktiv im Internet, man muss sie nicht teuer "akquirieren", sondern nur dort abholen, wo sie bereits nach Lösungen suchen. Und wenn das klassische System Betroffene nicht erreicht, entsteht Raum für neue Anbieter.
Impact schaffen und Rendite erwirtschaften
Im Venture Capital wird häufig so getan, als müsse man sich entscheiden: Entweder ein Investment hat gesellschaftlichen Impact oder es liefert attraktive Renditen. Gerade im HealthTech-Bereich zeigt sich allerdings, dass beides gleichzeitig möglich ist. Wenn ein Unternehmen eine große Versorgungslücke schließt, kann genau das der Kern seines wirtschaftlichen Erfolgs sein. Ein Produkt, das ein echtes Problem besser löst als bestehende Angebote, schafft zunächst einmal Nutzen. Wenn genügend Menschen dieses Problem haben und bereit sind, für eine gute Lösung zu zahlen, entsteht daraus ein profitables Geschäftsmodell.
Das bedeutet natürlich nicht, dass jede gute Absicht automatisch ein gutes Investment ist. Im Gegenteil. Gerade in sensiblen HealthTech-Bereichen muss man genauer hinschauen. Funktioniert die Lösung medizinisch oder fachlich wirklich? Ist der Datenschutz sauber? Ist der regulatorische Weg realistisch? Passt das Produkt in bestehende Versorgungspfade oder kann es unabhängig davon skalieren? Und vor allem: Versteht das Gründungsteam das Problem wirklich?
Der sogenannte Founder-Market-Fit ist in diesem Umfeld besonders wichtig. Viele der stärksten Gründer:innen kommen aus der Versorgung, haben selbst an dem Problem gearbeitet oder sind persönlich davon betroffen. Das ist kein Garant für Erfolg, erhöht aber die Wahrscheinlichkeit, dass ein Team nicht nur einen Trend entdeckt hat, sondern wirklich versteht, was Nutzer:innen brauchen. Gerade bei Tabu-Themen merkt man sehr schnell, ob ein Unternehmen aus echter Überzeugung entstanden ist oder ob jemand lediglich ein interessantes Marktsegment entdeckt hat. Ohne Purpose funktioniert es in diesen Bereichen meistens nicht besonders lange.
Der eigentliche Informationsvorsprung entsteht im Dealflow
Für Investitionen in der Frühphase ist aber noch etwas anderes interessant. Mit über 85 Prozent aller öffentlichen HealthTech Pre-Seed-Deals in Europa hat Calm/Storm einen unvergleichlichen Marktüberblick, sieht jedes Jahr Tausende Startups und investiert nur in die vielversprechendsten. Das klingt zunächst einmal nach einem klassischen Funnel. In Wahrheit ist dieser Dealflow aber viel mehr als nur eine Quelle für mögliche Investments. Er ist ein ziemlich guter Seismograph für Marktveränderungen.
Ein einzelnes Unternehmen kann Zufall sein. Wenn innerhalb weniger Monate mehrere starke Teams aus unterschiedlichen Ländern anfangen, ähnliche Probleme zu lösen, wird es interessant. Wenn sich Geschäftsmodelle in die gleiche Richtung bewegen, ebenfalls. Wenn plötzlich deutlich mehr Gründer:innen an Lösungen rund um Prävention, Versorgung chronischer Krankheiten, reproduktive Gesundheit oder KI-gestützte Administration arbeiten, dann ist das meistens kein Zufall.
Solche Veränderungen sehen Frühphasenfonds früher als klassische Marktanalysen, weil sehr viele frühe Signale gleichzeitig erkennbar werden. Wer sich nur etablierte Unternehmen anschaut, sieht einen Markt, wenn er bereits da ist. Wer in der Frühphase arbeitet, sieht Menschen, die versuchen, einen Markt überhaupt erst zu bauen. Viele davon werden scheitern. Aber aus der Summe ihrer Ideen kann man sehr viel darüber lernen, wo Nachfrage entsteht und welche Probleme künftig wirtschaftlich relevant werden. So wird Startup-Scouting zur Marktbeobachtung.
Die spannendsten Trends sind oft weniger spektakulär als gedacht
Künstliche Intelligenz ist dafür ein gutes Beispiel. Die öffentliche Diskussion dreht sich gerne um künstliche Ärzt:innen oder autonome Diagnosen. Viele der interessantesten Unternehmen setzen Kl jedoch an viel unspektakuläreren Stellen ein: Dokumentation, Workflow-Automatisierung oder die Begleitung chronisch kranker Patient:innen. Dort entstehen heute reale Effizienzgewinne, weil Fachpersonal weniger Zeit für administrative Aufgaben aufwenden muss und mehr Ressourcen für medizinische Arbeit bleiben.
Die wichtigste Frage für Investor:innen ist selten: Welche Technologie ist gerade am aufregendsten? Viel interessanter ist: Welches Problem wird so dringend, dass das Gesundheitssystem oder der Patient bereit ist, dauerhaft für eine Lösung zu zahlen?
Dealflow als strategischer Informationsvorsprung
Genau hier verändert sich auch die Rolle eines spezialisierten Venture-Capital-Fonds. Der Mehrwert besteht nicht ausschließlich darin, Kapital einzusammeln und in Startups zu investieren. Wer über Jahre einen spezialisierten Dealflow aufbaut und mit Gründer:innen, Ärzt:innen, Kliniken, Versicherern, Pharmaunternehmen und anderen Investor:innen arbeitet, baut gleichzeitig eine Informationsinfrastruktur auf.
Für einen Versicherer kann es hoch relevant sein, früh zu verstehen, wie sich Prävention, chronische Versorgung oder digitale Patient Journeys entwickeln. Für ein Pharmaunternehmen ist interessant, welche neuen Geschäftsmodelle an der Schnittstelle zwischen Medikamenten, Consumer Health, Diagnostik und digitaler Versorgung entstehen. Und für Unternehmerfamilien oder Family Offices bietet spezialisierter Dealflow die Möglichkeit, neue Märkte früh kennenzulernen, ohne selbst hunderte Unternehmen im Jahr prüfen zu müssen.
Deshalb geht bei Investor:innen auch zunehmend das Interesse über eine reine Fondsrendite hinaus. Der Zugang zu Dealflow, Marktkenntnis und Co-Investment-Möglichkeiten wird wichtiger. Ein spezialisierter Fonds kann dabei eine Art Filter sein: Er schaut sich sehr viele Unternehmen an, baut Expertise in einem Markt auf und ermöglicht es Investoren, bei einzelnen Themen tiefer einzusteigen.
Fazit: Wer nur auf bestehende Märkte schaut, kommt meistens zu spät
TabooTech ist mehr als eine Investmentkategorie. Es zeigt sehr gut, wie Märkte entstehen. Zuerst gibt es ein Problem, über das kaum jemand spricht. Dann gibt es einige Menschen, die versuchen, es anders zu lösen. Danach entstehen erste Produkte, erste Zahlungsbereitschaft und irgendwann eine neue Kategorie. In dem Moment, in dem alle großen Marktberichte den Trend entdeckt haben, ist er meist schon einige Jahre alt.
Das bedeutet nicht, dass man blind in jedes ungewöhnliche Thema investieren sollte. Im Gegenteil. Frühphaseninvestments sind riskant, und gerade im Gesundheitsbereich sind regulatorische, medizinische und wirtschaftliche Hürden hoch. Genau deshalb ist Erfahrung entscheidend.
Niemand kann die Zukunft vorhersagen. Aber mit dem richtigen Zugang und einem Netzwerk aus Gründungsteams und Marktexpert:innen lässt sich durchaus sehr genau beobachten, wo neue Startups auftauchen, welche Probleme sie lösen wollen, wo Nutzer:innen anfangen zu zahlen und welche Themen innerhalb kurzer Zeit plötzlich deutlich mehr Aufmerksamkeit bekommen. Gerade dann lohnt es sich, genauer hinzuschauen und schnell dabei zu sein.